Osteosarkom | |
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Last Update: 27.07.2025 | |
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Klassifikation | |
ICD10: | C40–C41 (je nach Lokalisation) |
ICD-O: | 9180/3 (Osteosarkom, NOS) |
ICD-11: | 2B51.Z & XH1XF3 |
Kategorie: | Neoplasie, maligne |
Histolog. Typ: | Osteoblastisch, chondroblastisch, fibroblastisch |
Immunphänotyp (typ.) |
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SATB2: + | CD99: variabel |
Mutationen | |
TP53: >90% | RB1: bis 56% |
CDKN2A: Verlust | MDM2, FGFR1: Amplifikation |
Altersverteilung | |
Quelle: |
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Links |
Osteosarkom
Allgemeines:
- Definition: Bösartiger, knochenbildender Tumor intramedullären Ursprungs. Diagnostisch entscheidend ist die Produktion von neoplastischem Knochen durch Tumorzellen.
- Lokalisation: Vorzugsweise metaphysär in langen Röhrenknochen – häufig distaler Femur, proximale Tibia, proximale Humerus.
- Subtypen: Konventionelles Osteosarkom (COS), telangiektatisches Osteosarkom (TAEOS), small cell Osteosarkom (SCOS).
- Verlaufsformen: Aggressives lokales Wachstum, häufige hämatogene Metastasierung (v. a. Lunge, Skelett).
Epidemiologie:
- Häufigster primärer high grade Knochentumor.
- Bimodale Verteilung: Häufigkeitsgipfel 14–18 Jahre, zweiter Gipfel >40 Jahre.
- Inzidenz: 4.4/Mio. (0–24 Jahre), 1.7/Mio. (25–59), 4.2/Mio. (>60 Jahre).
- Männer häufiger betroffen (M:F = 1.3:1); Ausnahme: SCOS (leicht weibliche Dominanz).
Klinik:
- Schmerzhafte, wachsende Schwellung innerhalb von Wochen bis Monaten.
- Bewegungseinschränkung möglich, über der Haut: Erwärmung, Erythem.
- Pathologische Fraktur: Bei ~10–15 % der Fälle mit konventionellem Osteosarkom (COS); häufiger (~30 %) bei telangiektatischem Osteosarkom (TAEOS).
- Häufige Lokalisationen: Distaler Femur (30 %), proximale Tibia (15 %), proximaler Humerus (15 %). Weitere, seltenere Lokalisationen: Kieferknochen, Becken, Wirbelsäule.
- Subtyp-spezifische Verteilung:
- TAEOS: Meist um das Kniegelenk (~60 %) und proximaler Humerus (~20 %).
- SCOS: Häufig diaphysär lokalisiert, besonders in langen Röhrenknochen (~10–15 %).
Bildgebung:
- Röntgen: Gemischt osteolytisch/osteoplastisch mit "Wolken-artigen" Ossifikationen.
- Periostreaktion: Codman-Dreieck, sunburst-, onion-skin-Zeichen.
- MRT: T1: intermediär, T2/STIR: hyperintens, Kontrastaufnahme in vitalen Arealen.
- TAEOS: Multizystisch, Blutfüllung mit Flüssigkeitsspiegeln, septale/solide Anteile.
- SCOS: Ewing-ähnliche Radiologie, v. a. diaphysär, rein osteolytisch möglich.
Pathogenese:
- Genetische Prädisposition: Li-Fraumeni, hereditätes Retinoblastom, RECQ-Syndrome.
- Sporadisch: TP53-, RB1-Mutationen häufig; Chromothripsis in >90%.
- Gängige genetische Alterationen: 6p/8q/17p-Verstärkungen, CDKN2A-Verlust, MDM2-, FGFR1-Amplifikationen.
- BRCAness: LoH-Muster wie bei BRCA1/2-Mutationen → potenzielle PARP-Inhibitor-Sensitivität.
Makroskopie:
- Konventionelles Osteosarkom (COS):
- Große (> 5–10 cm), intramedulläre Raumforderung mit Zentrum meist in der Metaphyse, variabler Ausdehnung in Diaphyse/Epiphyse.
- Schnittfläche heterogen: stark mineralisierte Anteile fest, weiß-gelblich (kortikalähnlich); Knorpelkomponenten grau, gummiartig oder muzinös (bei myxoider Degeneration).
- Häufige Begleitbefunde: Einblutungen, Nekrosen, pseudozystische Umwandlungen.
- Extraossäre Tumorausdehnung meist exzentrisch/periostal – mit Verdrängung des Periosts.
- Telangiektatisches Osteosarkom (TAEOS):
- Multizystisch, hämorrhagisch, blutgefüllt – klassisch beschrieben als „bag of blood“.
- Solide oder sklerotische Areale meist nicht vorhanden.
- Oft deutliche kortikale Erosion und Weichteilinfiltration.
- Small Cell Osteosarkom (SCOS):
- Makroskopisch nicht vom konventionellen Osteosarkom zu unterscheiden.
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Osteosarkom
Femur mit einem Osteosarkom. Miterfasst eine pathologische Fraktur.
Histologie:
- Diagnostisches Leitsymptom: Nachweis von Osteoidproduktion durch maligne Tumorzellen.
- Wachstumsmuster: Destruktiv, permeativ – Ersetzung des Knochenmarks, Umwachsung und Erosion vorhandener Trabekel, Expansion in Havers-Kanäle.
- Zelluläre Morphologie: Tumorzellen mit ausgeprägter Anaplasie und Pleomorphie; häufig spindelig, plasmazelloid oder epitheloidzellig. In Osteoid eingebettete Zellen können klein und unauffällig wirken (osteozytenähnlich).
- Mitosen: In der Regel häufig, atypische Mitosen sind diagnostisch hilfreich zur Abgrenzung von benignen Knochenprozessen.
- Knochenmatrix:
- Unmineralisiertes Osteoid: eosinophil (H&E), mineralisierte Matrix: basophil bis violett.
- Architektur: geflechtartig, filigran („lace-like“), grobtrabekulär oder kompakt.
- Pagetoide Muster mit unregelmäßigen Zementlinien möglich.
- Matrix-Differenzierung – Subtypen des konventionellen Osteosarkoms (COS):
- Osteoblastischer Typ (76–80 %): Vorherrschend osteoide Matrix; von zarten filigranen bis hin zu kompakten Knochentrabekeln. Bei starker Sklerose auch „sklerosierender Typ“ genannt.
- Chondroblastischer Typ (10–13 %): Hyaliner oder myxoider Knorpel mit deutlicher Atypie; Übergänge zu osteoiden Bereichen typisch. Besonders häufig in Kieferknochen, wo Chondrosarkome selten sind.
- Fibroblastischer Typ (~10 %): Spindelzellige, oft storiform angeordnete Zellen mit Kollagenproduktion. Z. T. schwere Atypie, mit osteoider Matrixbildung.
- Giant-Cell-rich Typ: Streuung nicht-neoplastischer osteoklastärer Riesenzellen, oft kombiniert mit H3-3A/B p.Gly34 Mutation.
- Epithelioider Typ: Große polyedrische Tumorzellen, seltener Subtyp.
- Osteoblastom-ähnlicher Typ: Geringere Atypie; Osteoidbildende Zellen lagern sich trabekulär an. Infiltrativ destruktiv in bestehende Knochenstrukturen – wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu Osteoblastom.
- Telangiektatisches Osteosarkom (TAEOS):
- Makroskopisch zystisch, blutgefüllt („bag of blood“).
- Septen mit pleomorphen, hyperchromatischen Zellen und fokaler Osteoidbildung.
- Häufig osteoklastäre Riesenzellen. DD: aneurysmatische Knochenzyste.
- Small cell Osteosarkom (SCOS):
- Kleine rundkernige Zellen mit feinem oder grobem Chromatin, wenig Zytoplasma.
- Immer mit osteoider Matrix; hämatoperizytomähnliche Muster möglich.
- DD: Ewing-Sarkom – hier hilfreich: SATB2+, Osteoidnachweis.
Immunhistochemie:
- SATB2+, CD99 variabel, RUNX2+, Osteocalcin+, S100+, CK/EMA gelegentlich positiv.
- CD31, CD45 negativ; FOS negativ → DD Osteoblastom.
Molekularpathologie:
- TP53-Inaktivierung >90%, RB1 bis 56%, CDKN2A-Verlust ~10%.
- MDM2- und FGFR1-Amplifikation, MYC-Verstärkung, Chromothripsis häufig.
- Kataegis in 50%, geringe Mutationslast ("cold tumour").
pTNM-Klassifikation (UICC/AJCC 8. Auflage):
1. Primärtumor (T) – Extremitäten, Rumpf, kraniofazial:
T-Kategorie | Kriterium |
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T0 | Kein nachweisbarer Primärtumor |
T1 | Größenausdehnung ≤ 8 cm |
T2 | Größenausdehnung > 8 cm |
T3 | Diskontinuierliche Tumorherde im Primärknochen |
TNM-Klassifikation – Wirbelsäule
T-Kategorie | Kriterium |
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T1 | Begrenzung auf ein Wirbelsegment oder 2 benachbarte Wirbelsegmente. |
T2 | Begrenzung auf 3 benachbarte Wirbelsegmente. |
T3 | Begrenzung auf 4 benachbarte Wirbelsegmente. |
T4a | Infiltration in Wirbelkanal |
T4b | Infiltration großer Gefäße oder Tumorthrombose in großen Gefäßen. |
* Die 5 Wirbelsäulen-Segmente nach TNM-Klassifikation umfassen: Rechter Pedikel, rechter Wirbelkörper, linker Wirbelkörper, linker Pedikel, hinteres Segment.
TNM-Klassifikation – Becken
T-Kategorie | Kriterium |
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T1a | Tumor ≤ 8 cm, begrenzt auf ein einzelnes Segment des Beckens, ohne extraossäre Ausbreitung. |
T1b | Tumor > 8 cm, begrenzt auf ein einzelnes Segment des Beckens, ohne extraossäre Ausbreitung. |
T2a | Tumor ≤ 8 cm mit extraossärer Ausbreitung oder Ausdehnung auf zwei benachbarte Segmente des Beckens ohne extraossäre Ausbreitung. |
T2b | Tumor > 8 cm mit extraossärer Ausbreitung oder Ausdehnung auf zwei benachbarte Segmente des Beckens ohne extraossäre Ausbreitung. |
T3a | Tumor ≤ 8 cm mit extraossärer Ausdehnung auf zwei Becken-Segmente begrenzt. |
T3b | Tumor > 8 cm mit extraossärer Ausdehnung auf zwei Becken-Segmente begrenzt. |
T4a | Beteiligung von drei Becken-Segmenten oder Überkreuzung des Sakroiliakalgelenks in das sakrale Neuroforamen. |
T4b | Tumor umschließt die äußeren Iliakalgefäße oder makroskopische Tumorthrombose in großen Beckengefäßen. |
* Die 4 Becken-Segmente nach TNM-Klassifikation umfassen: Os sacrum, Beckenschaufel, Acetabulum/Periacetabulum, Beckenäste, Symphyse, Schambein.
3. Regionäre Lymphknoten (N):
N-Kategorie | Kriterium |
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N0 | Keine regionären Lymphknotenmetastasen |
N1 | Metastasen in regionären Lymphknoten |
4. Fernmetastasen (M):
M-Kategorie | Kriterium |
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M0 | Keine Fernmetastasen |
M1 | Fernmetastasen vorhanden |
M1a | Nur pulmonale Metastasen |
M1b | Metastasen in anderen Organen (z. B. Skelett, Leber) |
Sonstiges:
- Targeted Therapy: Studien zu PARP-Inhibitoren bei BRCAness.
- Immuntherapie: COS ist immunologisch kalt; Checkpoint-Inhibition kaum effektiv.
Differentialdiagnosen:
- Osteoblastom:
- Aneurysmatische Knochenzyste (ABC):
- Zystisch, mit Blut gefüllt, häufig bei Jugendlichen.
- Keine malignen Zellen, keine Osteoidproduktion.
- TAEOS kann makroskopisch und radiologisch ähnlich erscheinen.
- Keine atypischen Mitosen oder infiltratives Wachstum.
- Ewing-Sarkom:
- Monomorphe kleine Rundzellen, CD99+ membranös.
- Osteoidproduktion fehlt, SATB2 meist negativ.
- Translokation t(11;22)(q24;q12) → EWSR1-FLI1 typisch.
- Radiologisch oft diaphysär, rein osteolytisch.
- Chondrosarkom:
- Ältere Patienten, vor allem Becken und proximale Knochen betroffen.
- Myxoide/hyaline Matrix mit Chondrozyten-Atypie.
- Keine Osteoidproduktion durch Tumorzellen.
- IDH1/2-Mutationen typisch, hilfreich zur Abgrenzung von chondroblastischem Osteosarkom.
- Metastasen (z.B. Nierenzellkarzinom, Schilddrüsenkarzinom):
- Häufig bei älteren Patienten mit bekannter Primärneoplasie.
- Keine Osteoidproduktion, meist keine SATB2-Expression.
- Immunhistochemie entscheidend (z. B. PAX8, TTF1, thyreoglobulin etc.).
- Osteomyelitis (chronisch oder Brodie-Abszess):
- Entzündlich-reaktiv, kein echter Neoplasieprozess.
- Granulationsgewebe, Fibrose, reaktive Knochenveränderungen.
- Kein atypisches Zellbild, keine Osteoidproduktion.
- Nachweis von Erregern möglich, z. B. per Spezialfärbung.
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